Horizont

Ich bin in der Vorstadt aufgewachsen. Wiesen, Felder, Getreide und weit entfernt eine Autofabrik. Der Weg in die Stadt war lang und umständlich, ich war sehr unglücklich damit. Mit einundzwanzig zog ich vom Elternhaus mitten in die Stadt, zwischen Stuck verzierten Fassaden und französischen Balkonen, der Wochenendmarkt keine hundert Meter entfernt, die Innenstadt auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals.

Pure Freiheit. Alles einen Katzensprung entfernt. Man entdeckt zahllose Wege zu Cafés in denen man die Hälfte der Freizeit lesend, schreibend oder essend entweder allein oder in guter Gesellschaft verbringt. Zwischen endlosen Spaziergängen quer durch die Stadt verirrt man sich schnell entweder in einem Museum oder doch in einer Bar.

Die nächtlichen Spaziergänge sind verschleiert durch das trüb glühende Neonlicht diverser Werbereklamen, Straßenlaternen und vereinzelnd schafft es ein einsamer Stern durch die Wolkendecke. Ich blickte oft hoch, auf der Suche nach mehr von ihnen.

In den schmalen Straßen ließ ich meine Gedanken wandern, sie begleiteten mich entlang hoher Auslagen und stilvoller Eingangstüren. Sie führten mich durch das Labyrinth aus Wänden und Sitzbänken und ließen mich im Strom aus Touristen und Anrainern gar verschwinden. Manchmal war es sogar ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit.

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Ich wohne jetzt im ersten Stock mit Blick zum Beginn einer Gebirgskette, die sich im weiteren Verlauf quer durch das ganze Land erstreckt. Wenn ich mich weit aus dem Fenster beuge sehe ich sogar den Nachbau eines antiken Tempels. Die Häuser gegenüber überragen kaum die Dächer des Wohnbaus, in dem ich wohne. Ein Blick reicht, um zahlreiche Sterne zu sehen und im Mondlicht einzuschlafen. Als ich eine Freundin in der Nähe besuchte und im dritten Stock die selben Berge erneut am Horizont erblickte, begriff ich welche Anziehungskraft und Bedeutung ein Horizont haben kann.

Lange Einleitung, kurzer Schluss: Wie wichtig sind Horizonte? In den Städten verschwinden wir im Schutz hoher Wände und als Individuum in der Masse des hektischen Stadtlebens. Wir müssen erst unsere Köpfe recken, ehe wir das Weite sehen können. Auch dann ist es nur ein Ausschnitt und wir denken automatisch, das sei alles.

Schon jemals an einem Strand gewesen und im Untergehen der Sonne die Kraft und Endlosigkeit des Horizonts auf dich wirken gelassen? Kein Strecken, kein Zusammenkneifen der Augen, einfach das Kinn anheben und den Blick vom Boden nach Geradeaus richten? Hast du es wahrgenommen? Die feine Linie, die alles trennt. Ist das so?

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Im Angesicht des Horizonts erstreckt sich ein Moment zu einer endlosen Vielzahl an Momenten und wir vermögen ihn nicht zu fassen, bloß wenn wir tief einatmen. Wir sind ihm schutzlos ausgeliefert, keine Mauern oder Wolkenkratzer, die uns vor den Problemen und der Leere schützen. Keine Ablenkungen, keine Kurztrips in die Vergangenheit. Es bleibt nur die Weite, der grenzenlose Raum, die eigene Verletzlichkeit und das tiefe Luftholen. Wir sind uns ausgeliefert. Nicht mehr und nicht weniger. Muss uns das etwa Angst machen?

Diesen Moment findet man nicht nur am Meer. Er ist überall dort zu finden, wo sich die Welt verkleinert, je weiter wir nach vorne schauen. Wenn all unsere Gedanken und Emotionen in den schmalen Gassen und Boulevards zusammen gepfercht sind, verflüchtigen sie sich äußerst bald in der Ferne des Horizonts.

Ein Komplex aus Details als Tor zu unendlich vielen Möglichkeiten und der Blick auf die Unendlichkeit in einem Moment vereint. Ein in sich geschlossener Kreis, frei und unheimlich wertvoll.  Und wenn sich der Horizont vor unseren Augen erweitert, erweitert sich auch vielleicht unser eigener Horizont.

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(c) NASA