Auf den Spuren von Wahrnehmung und Walnüssen

DIeser Text kann Spuren von Bildern enthalten

Vor einigen Tagen erzählte ich einem sehr guten und engen Freund von einer Kurzgeschichte, die ich zurzeit finalisiere. Da er auch schreibt, an sich der Branche nicht ganz unverwandt und gleichzeitig Cineast und Musikliebhaber ist, schätze ich seine Meinung unheimlich sehr. Auch wenn das nur indirekt etwas mit dem Beitrag zu tun hat, war es mir wichtig, es einmal zu erwähnen und warum nicht gleich zu Beginn?

Von der Zusammenfassung meiner Geschichte führte unser Gespräch weiter in Richtung Schreibprozesse und ich erinnerte mich wieder an einen durchaus bekannten Umstand: Unsere Wahrnehmung arbeitet auf so unzähligen Ebenen, mit unterschiedlichem Ausmaß, mit anderen Sinnen. Ein Thema, das schon Jahrhunderte von Philosophen, Psychologen und Künstlern behandelt wird und trotzdem holt mich sowohl die Verwunderung als auch die grenzenlose Faszination immer wieder ein.

Aber in dieser Unterhaltung ging es konkret um das Schreiben von Geschichten und die eigene Wahrnehmung während wir in den Prozessen verwickelt sind.

Wenn wir an einer Geschichte arbeiten, was ist zuerst da? Die Idee, ein Charakter, der Titel oder das Cover? Sehen wir im Geiste die Worte in einer speziellen Schriftart am möglichen Cover? Bewegen sich die Bilder bereits vor unserem inneren Auge wie ein Praxinoskop oder wie ein Stummfilm? Haben wir zuerst eine Idee, die, mit passender Musik untermalt, die Geschichte von allein erzählt und man als stiller Beobachter bloß  mit zu schreiben hat? Einige Autoren beginnen achronologisch, arbeiten sich um eine Szene herum wie die Spinne um ihr Netz. Hingegen die Systematiker den gesamten Plot bereits ausgedacht und ihn mittels genauer Einteilung Kapitel für Kapitel schnell zu Papier (oder auf den Schirm) gebracht haben. Fertig. Der springende Punkt ist folgender: Wenn eine Geschichte, eine Idee in unseren Gedanken heranwächst, sehen wir sie in Schrift oder in Bildern? Oder doch ganz anders? Was den Freund und mich betrifft, so decken wir die zwei genannten Beispiele ab. Bild und Text. Diese Erkenntnis brachte mich zu einer weiteren Annahme, ob das nicht auf Gedanken allgemein zutrifft.

Am Heimweg passierte ich ein Restaurant. Am aufgehängten Menüplan las ich „Walnuss“ und stellte mir automatisch nicht eine, sondern einen Haufen von Nüssen vor. Ich mag Walnüsse. Ich dachte an einen Container voller ungeöffneter Walnüsse und wie es klingen würde, wenn man einen leeren Swimming Pool mit ihnen füllen würde. Ich grinste idiotisch. Schade, dass ich allergisch bin. Selbst jetzt, während des Schreibens dieses Beitrages, grinse ich wieder und stelle mir das Geräusch vor. Ich vermute, dass die Mehrheit der Menschen in Bildern denkt – schon allein, wenn wir uns an vergangene Erlebnisse erinnern. Erinnerungen sind Fotografien des Erlebten, soviel ist klar. Aber wer weiß? Wenn wir mit Zahlen zu tun haben, sehen wir Nummern, Gleichungen, Brüche und Multiplikatoren vor unseren Augen? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es Menschen gibt, die in Farben rechnen. Für sie hat jede Zahl eine bestimmte Farbe und wenn sie addieren oder subtrahieren, vermischen sie zwei Zahlen zu einer neuen. Womöglich haben andere einer Zahl Symbole oder gar ein Bild zugeordnet?

Und was ist mit der Musik? Was entsteht in unserer Vorstellung, wenn wir Töne hören? Wir haben Notensysteme, mit denen wir das Gehörte in eine Schrift übersetzen und visualisieren können. Ein voll ausgemalter Kreis zwischen der zweiten und dritten (von fünf) Linie mit einem Violinschlüssel zu Beginn wird als „a“ definiert, der Leitton einer Stimmgabel. Vierhundertundvierzig Hertz. Wie wird dieser Ton in unserem Kopf sichtbar? Als der eben beschriebenen Note am Notenblatt? Als Farbe oder doch als Welle? Weist jemand einer Terz die Zahl „Drei“ zu oder trägt sie die Farbe Königsblau? Vielleicht sehen wir auch gar nichts und spüren lediglich ein Kribbeln, das unsere Wirbelsäule hoch schleicht. Ein ruhender Zustand, der sich im Chaos bewährt und Ordnung bringt. Oder doch das Gegenteil?

Mich inspiriert der Gedanke, dass trotz der vielen Macken, die unser Gehirn aufweist (Akkurat ist es ja nicht gerade und wieso zur Hölle haben wir nur Zugriff auf 10% seiner Leistung?) diese Windungen dennoch zu etwas Außergewöhnlichem fähig sind. Immerhin haben wir fünf (oder manche auch sechs) Sinne, die uns helfen unsere Außen- und Innenwelt aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Wahrnehmung ist subjektiv. Sie kann mit Anstrengungen auch objektiv und rational sein. Allen voran ist sie verschieden – sollen wir ihre Vielseitigkeit ignorieren?

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