Endlose Sommer

thurnberger-stausee_edited.jpgEin dunkelgrüner See, der sich im Kamptal versteckt. Künstlich angelegt, von Mauern aufgestaut. Das Wasser ist milchig und ein Ufer schließt direkt an einen Berg mit Tannen, Laubbäumen und Felsen. Trotz Besucher und Geplantsche ist es unheimlich ruhig. Als bergen die Bäume den Schall. Sie nehmen Worte und Gelächter auf und hüten sie wie Geheimnisse. Gleichwohl tief und anziehend wirkt der Stausee als müsse man darin versinken und verwandelt wieder aufsteigen. Gereinigt. Nicht nur die Haut, sondern auch die Seele.

Dort entdeckt man das „Sommerferien-Gefühl“ wieder. Als die Sommer noch endlos und alles möglich schienen. Zeit existierte erst ab September wieder, bis dahin war es ein einziger Tag, der sich nur von den Sonnenuntergängen unterschied. Keine Verpflichtungen. Urlaub im Grünen und zwischen kniehohen Getreidefeldern, die an den Knöcheln kratzten, und auf Birnenbäumen war alles gut. Tag für Tag im Wasser verbracht, von fünf Meter hohen Klippen gehüpft, mehrere Kilometer geschwommen – all das sind Kindheitserinnerungen, für die man sich heute keine Zeit nimmt.

Später, wenn man älter geworden ist und die ersten Stunden mit Führerschein genoss, gab es wieder vermehrt solche Momente der Freiheit. Juliabende verbrachte man im Auto und fuhr zwischen Getreidefeldern und Birnenbäumen, die manchmal auch Apfelbäume waren und an einem See vorbei führten. Dazu die richtige Musik – der Tag und das Leben schienen perfekt. Alles war möglich.

„Sunset, no regrets, first chance last dance, stuck in the middle.“

Beginnt man zu arbeiten, weil Studium oder Schule zu Ende sind oder abgebrochen wurden, dünnen diese Momente zu einer Flüchtigkeit aus. Ein Ausatmen auf einem Felsvorsprung, ein Einatmen vor einer Gletscherlagune. Oh, wie sehr wünscht man sich die Leichtigkeit des Sommers zurück. Man will diese Momente wieder vermehrt spüren. Freiheit. Gelassenheit. Einfachtheit.

Ich habe mich immer gefragt, warum sich erwachsene Menschen in ihre Jugend zurück wünschen oder wehmütig zurück blicken. Einmal wieder sechszehn sein. Da ich meine Jugend eher mit schlechten Erfahrungen in der Schule und im Freundeskreis in Verbindung brachte, habe ich diese Sehnsucht nie verstanden. Nie mehr sechszehn sein – yes! Selbstständig und unabhängig sein – yes! Vielleicht lag es nicht nur an der Leichtigkeit des Unmündigseins, warum man lieber wieder jung sein wollte. Weil jemand anderer Verantwortung übernahm. Vielleicht wegen dieser Sommer, denke ich jetzt. Diese Sommer, wo alles möglich schien, ohne Pläne und Verpflichtungen, Breakfast Club, ewig jung und unvergessen. Sind sie der Grund?

Don’t you forget about me.

An Orten wie dieser Stausee erinnere ich mich wieder an diese Sommer. Getreidefelder und Birnenbäume. Endlose Nächte. Nichts tun. Musik und Geschichten. Doch wenn ich an die Zukunft denke, frage ich mich, ob ich auch mit vierzig zwischen Getreidefeldern und Birnenbäumen spazieren möchte. Was ist mit Kirschbäumen oder Lavendelfeldern? Ich erinnere mich auch an Sommer am Fensterbrett sitzend, über die Welt und eine neue Geschichte sinnierend. Oder Gespräche am Fluss über die Sterne und das Leben. An manchen Abenden im August tanzte ich in einer Bar zu Depeche Mode und übernachtete bei einer Freundin. Manchmal stieg ich auch einfach in einen Flieger und lernte eine neue Großstadt kennen. An anderen Sommerabenden sah ich das größte Glück einfach in meinen Freunden und dass wir gemeinsam den Tag mit einem kühlen Bier ausklingen ließen.

Auch wenn ich jetzt in der Hitze fast umkomme, so weiß ich, dass die Sommer an kein Alter gebunden sind. Sie sind vielleicht nicht leichter oder sorgloser, dafür tiefgründiger und an Abenteuern reicher. Die vergangenen Sommer bringen uns einfach näher, was wir bereits geleistet und wie wir uns weiter entwickelt haben. Oder auch nicht. Unsere Erinnerungen an das unbeschwerte Damals helfen uns zu begreifen, dass trotz aller Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens wir das Kindsein genießen konnten – so wie es sein sollte – und dass wir diese Leichtigkeit in uns tragen, zu jeder Zeit. Es ist bloß abhängig davon, wie wir es sehen wollen. Was einst gut war, muss Heute nicht sein, aber Heute ist definitiv anders und das ist gut so.

An welche Sommertage erinnert ihr euch zurück?